Die Nation (neu) schreiben. Transnationale Geschichte der Nation und des Nationalismus (Frankreich-Deutschland, 1848–1871)
Dieses Projekt nimmt an, dass modernen Gesellschaften in Europa eine Sache gemein ist: die Konstruktion der Nation im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ausgehend von dieser Hypothese untersucht Corentin Marion in seinem Promotionsprojekt die transnationalen Elemente des Nationsbegriffs im deutsch-französischen Kontext zwischen 1848 und 1871 und wertet dazu parlamentarische Debatten aus. Zirkulation, Abgrenzung, Nachahmung und Beobachtung spielen eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Deutung von »Nation«. Insofern ist die Nation nicht nur ein soziales, politisches, kulturelles oder wirtschaftliches, sondern auch ein transnationales Konstrukt.
Zentrale Quellen der Dissertation sind Parlamentsdebatten aus der französischen Nationalversammlung, dem Zollparlament, der Paulskirche, dem Reichstag, und verschiedene Parlamente einzelner deutscher Staaten. Die Akteure sowie die Wege des Begriffstransfers über die grenzen hinweg stehen im Mittelpunkt des Projekts. Die Parlamentsdebatten werden miteinander verglichen und die Diskurse in Verbindung mit Daten zu den Abgeordneten gebracht. Geburtsdatum und -ort, Konfession, Beruf, Fraktion und biografische Merkmale derjenigen Abgeordneten, die sich des »nationalen« Vokabulars bedienten (also Begriffe wie »Nation«, »Nationalität«, »Volk« oder »Volksstamm« verwendeten), geben Aufschluss darüber, wo die Begriffe sozial und politisch verortet sind. So kann der gruppenspezifische Gebrauch von Begriffen untersucht und können jene Redner identifiziert werden, die über den nationalen Tellerrand hinausblickten und in diesem Sinne eine Vermittlerrolle einnahmen.
Die Arbeit beruht auf einer transnationalen Begriffsgeschichte, das heißt auf der Analyse der Verflechtungen zwischen kommunikativen Situationen im deutsch-französischen Kontext (siehe dazu Corentin Marion, Die »Nation« verfremden. Für eine transnationale Begriffsgeschichte, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 13/14 (2024/2025), S. 6–19, https://doi.org/10.13151/fib.2025.01.02). Im Zentrum dieser Analyse stehen das Konzept der Nation und verwandte Begriffe wie ›national‹, ›nationalité/Nationalität‹, ›race/Rasse‹, ›Peuple/Volk‹, ›Volksthum‹ sowie ›empire/Reich‹. Ziel ist es, zum einen die historische und die situative Wandelbarkeit der Begriffe und ihre Einbettung in transnationale Verflechtungen und diskursive Kontexte zu erforschen. Das Projekt steht somit im Gegensatz zu Ansätzen, die diese Entwicklungen im geschlossenen ›nationalen‹ Raum verfolgen. Aus einer begriffsgeschichtlichen Perspektive stehen semantische Veränderungen, die Zusammensetzung des Sprachfelds der Nation, Konflikte und Spannungen im Mittelpunkt. Hauptziel des Projekts ist es, die transnationale Fabrik der Nation so nah an den Akteuren wie möglich zu erfassen.
Das Forschungsprojekt umfasst den Zeitraum zwischen den europäischen Revolutionen von 1848 und dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Für beide Länder war diese Zeit reich an politischen, wirtschaftlichen, sozialen und diplomatischen Umbrüchen. Während des gesamten Zeitraums konnte die Wechselwirkung der verschiedenen Begriffe aufeinander sowie ihre strategische Verwendung durch den Abgeordneten rekonstruiert werden, sowie die bisher vernachlässigte Rolle des Imperialismus im Diskurs über die Nationsbildung. Spezifisch für die Zeit um 1870/71 wurde ein transnationales Netz von Publikationen analysiert, das französische und deutsche Intellektuellen miteinander ins Gespräch führte über die Definition von Nation (siehe dazu Corentin Marion, Krieg und Frieden. Auseinandersetzungen zwischen deutschen und französischen Akademikern um 1870/71, in: Alma Hannig, Christian Meierhofer, Georg Mölich (Hg.), 1870/71. Der Deutsch-Französische Krieg in transnationaler, regionaler und interdisziplinärer Perspektive, Göttingen 2024 (Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen Dialog, 13), S. 175–191 sowie Corentin Marion, The Impact of the Franco-Prussian War on the Definition of the Nation in France and Germany, in: Karine Varley (Hg.), The Franco-Prussian War: Turning-Points in European Experiences and Perceptions of Military Conflict, London 2024 (Routledge Studies in Modern History of France, 7), S. 69–81).
Ein wichtiges Ergebnis ist die Plastizität der Begriffe um Nation: Sie waren stark wandelbar und wurden reaktiv verwendet, um politische oder soziale Strategien zu unterstützen. Als die Parlamente von der Zufriedenheit auf der Straße in der zweiten Hälfte des Jahres 1848 bedroht wurden, herrschte ein Mistrauen in den Versammlungen gegenüber den Volksbegriffs, und die Abgeordneten verstanden sich als Zentrum der Nation oder als die Nation schlechthin; als es für sie aber darum ging ihre Stellung gegenüber den Fürsten oder ein Regierungshaupt zu vertidigen, beharrten sie auf ihre Legitmität als Volksvertreter. Die Beobachtung von Ereignissen in anderen Ländern, wie Unruhen oder die Einverleibung neuer Territorien, führten zu einer Auseinandersetzung mit dem semantischen Feld der Nation und zu neuen Konstellationen der Begriffe. Insgesamt, leistet dieses Projekt einen Beitrag zur transnationalen Geschichte der sozialen Vorstellungswelten, hier insbesonderen der Nation.
Bildnachweis: Frédéric Sorieu, 1848. République universelle, démocratique et sociale, Lithographie, 19. Jahrhundert, Musée Carnavalet, Paris.
