Sprachen der russischen Diplomatie des achtzehnten Jahrhunderts im europäischen Kontext
Von der DFG gefördertes Forschungsprojekt
Das Projekt (2022–2026) untersucht die Entwicklung von Sprachpraktiken in der europäischen Diplomatie im Laufe des 18. Jahrhunderts und insbesondere den Aufstieg des Französischen zur universellen Sprache der Diplomatie. Es beschreibt das Tempo und die Mechanismen der sprachlichen Veränderungen im Umfeld der russischen Diplomatie und erklärt die kulturellen, sozialen und politischen Gründe hinter diesen Veränderungen. Das wissenschaftliche Team des Projekts besteht aus Vladislav Rjéoutski (Projektkoordinator, DHIP), Sophie Holm (Max Weber Netzwerk Osteuropa) und Gleb Kazakov (Univ. Gießen). Eine andere Arbeitsgruppe von drei Personen arbeitet unter der Leitung von V. Rjéoutski an der Projektdatenbank. Darüber hinaus kooperiert das Projekt mit rund zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Studien für die gemeinsamen Publikationen des Projekts vorbereitet haben.
Während ein Großteil der Forschung zu diesem Thema bisher spezifische westeuropäische Länder und eher enge Zeiträume betrachtete, nimmt das Projekt eine breitere Perspektive ein. Es verfolgt die Veränderungen nicht nur über das gesamte »lange« 18. Jahrhundert hinweg sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf Russland und vergleicht es mit verschiedenen europäischen Ländern, hauptsächlich mit Spanien, Preußen, Schweden, der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich.
Ein zentrales Thema ist die gleichzeitige Entwicklung von sprachlichen Praktiken der europäischen Diplomatie und von Praktiken im Bereich Soziabilität und Bildung. Das Forschungsteam untersucht die »professionellen« Sprachpraktiken der Diplomaten im Kontext ihres sozialen Austauschs, der sich wahrscheinlich auf ihre Sprachwahl in der diplomatischen Korrespondenz ausgewirkt hat.
Das Projekt befasst sich mit Sprachgebrauch in verschiedenen Kommunikationsformen (offiziell und privat, schriftlich und, wenn möglich, mündlich), mit den Praktiken des Fremdsprachenunterrichts, mit der ethnischen Zusammensetzung des diplomatischen Korps und den Auswirkungen dieser Vielfalt auf die Sprachen der Diplomatie. Schließlich untersucht es Spannungen, die durch das Hervortreten des Französischen als gesamteuropäische Diplomatensprache im Kontext des aufkommenden Proto-Nationalismus entstanden. Es leistet einen Beitrag zur laufenden Debatte über die Entstehung der »modernen« Diplomatie in Europa.
Das Projektteam und seine assoziierten Forschenden haben Archivbestände in Deutschland, Italien, Österreich, Spanien, Schweden und Großbritannien erforscht und in Sammelpublikationen (siehe Liste unten) analysiert, die nicht nur Russland, sondern auch die Habsburger Monarchie, Frankreich, Holland, das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, Preußen, Ragusa, Spanien, Schweden und die USA abdecken. Die Arbeiten befassen sich mit den Ursachen für die Unterschiede sprachlicher Praktiken zwischen europäischen Diplomaten: dem Gewicht von Tradition, der Rolle von Bürokratie oder den Auswirkungen proto-nationaler Bewegungen. Sie beleuchten die Funktion verschiedener Sprachen bei der Trennung des »beruflichen« vom privaten Teil interner Korrespondenz von Diplomaten eines Landes. Häufig war Französisch dem privaten Teil vorbehalten und die Lokal- oder Landessprache dem eigentlichen diplomatischen Teil. Ein weiterer Aspekt ist die Rolle von Ausländern, die die wichtigsten europäischen Sprachen beherrschten. Sie wurden angeworben, um den Mangel an Sprachkenntnissen bei einheimischen Diplomaten zu kompensieren.
Diese Veröffentlichungen folgen auf zwei vom Projektteam und Guido Braun (Univ. Mulhouse) organisierte Veranstaltungen, die sich mit Übersetzung in der Diplomatie der Neuzeit befassten (Dezember 2023, DHIP) und die Entstehung von Berufen im Zusammenhang mit dem Erlernen von Sprachen untersuchten (Mai 2025, Max Weber Netzwerk Osteuropa, Helsinki). Sie tragen zu unserem Verständnis der Sprachpraxis russischer und allgemein europäischer Diplomaten und der Gründe für ihre Sprachwahl bei.
Drei weitere Mitglieder des Projekts bereiten eine Datenbank vor: Maya Lavrinovich, Viktor Borisov und Denis Kondakov. Die Datenbank enthält mehrere hundert diplomatische Dokumente sowie Metadaten zu Tausenden von anderen Dokumenten. Sie wurde mit der Hilfe von André Herzog (Verbundzentrale des GBV) und Nanette Rissler-Pipka (Max Weber Stiftung) vorbereitet und wird im Open Access auf der Plattform perspectivia.net veröffentlicht.
Schließlich bereiten Vladislav Rjéoutski, Sophie Holm und Gleb Kazakov eine Monografie über die Geschichte der Sprachpraktiken russischer Diplomaten vor. Seit dem Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine kann das deutsche nicht mehr mit dem russischen Team zusammenarbeiten und musste die ursprüngliche Idee, eine kollektive Monografie zu schreiben, die den gesamten Untersuchungszeitraum abdeckt, aufgeben. Die Studie widmet sich dem Sprachgebrauch russischer Diplomaten in der Epoche Peters des Großen, die vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis zum ersten Drittel des 18. Jahrhunderts reicht.
Wichtigste Veröffentlichungen der Projektmitglieder:
- Sophie Holm, »In a city flooded with pamphlets«: Foreign Diplomats Monitoring and Spreading the News in Eighteenth-Century Stockholm, in: Penelope J. Corfield, Jonas Nordin (Hg.), Media & Mediation in the Eighteenth Century, Lund 2023, S. 73–101, https://doi.org/10.37852/oblu.209.
- Sophie Holm, Language and diplomatic culture in the early modern period, in: Dorothée Goetze, Lena Oetzel (Hg.), Early Modern European Diplomacy. A Handbook, Berlin/Boston 2024, S. 613–630.
- Vladislav Rjéoutski, Igor Fedyukin (Hg.), Langues et professions en Russie au XVIIIe siècle (= Cahiers d’histoire russe, est-européenne, caucasienne et centrasiatique, 65/2 [2024]), https://journals.openedition.org/chreecc/14650.
- Vladislav Rjéoutski, Languages and professions in eighteenth‑century Russia. An Introduction, in: Cahiers d’histoire russe, 65/2, 2024, S. 281–304, https://doi.org/10.4000/123la.
- Sophie Holm, Vladislav Rjéoutski, »I ask Your Excellency most humbly to pardon me for writing in a foreign language«. French in Russian and Swedish internal diplomatic correspondence, c. 1720s–1740s, in: Cahiers d’histoire russe, 65/2, 2024, S. 327–350, DOI: https://doi.org/10.4000/123lc.
- Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski (Hg.), Languages of Diplomacy in the Early Modern World (erscheint 2025 bei Amsterdam University Press).
- Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski, Languages of Diplomacy in the Early Modern World. An Introduction, in: Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski (Hg.), Languages of Diplomacy in the Early Modern World (erscheint 2025 bei Amsterdam University Press).
- Gleb Kazakov, German and French in the Diplomacy of the Duchy of Mecklenburg-Schwerin, 1700–1730, in: Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski (Hg.), Languages of Diplomacy in the Early Modern World (erscheint 2025 bei Amsterdam University Press).
- Vladislav Rjéoutski, An Empire on the Wane? Language Use and Linguistic Policy in Eighteenth-Century Spanish Diplomacy, in: Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski (Hg.), Languages of Diplomacy in the Early Modern World (erscheint 2025 bei Amsterdam University Press).
- Sophie Holm, »Write in no Foreign Language but Solely and Only in Swedish«: Languages of Internal Communication in Swedish Diplomacy, c. 1700–1792, in: Gleb Kazakov, Vladislav Rjéoutski (Hg.), Languages of Diplomacy in the Early Modern World (erscheint 2025 bei Amsterdam University Press).
- Vladislav Rjéoutski, Guido Braun, Indravati Félicité, Sophie Holm (Hg.), Translation in Early Modern Diplomacy (erscheint 2025 bei Routledge).
- Vladislav Rjéoutski, Guido Braun und Sophie Holm, Translation in Early Modern Diplomacy. An Introduction, in: Vladislav Rjéoutski, Guido Braun, Indravati Félicité, Sophie Holm (Hg.), Translation in Early Modern Diplomacy (erscheint 2025 bei Routledge).
- Sophie Holm, Diplomatic Affairs, Translation Processes and Political Decision-Making at the Eighteenth-Century Swedish Diet, in: Vladislav Rjéoutski, Guido Braun, Indravati Félicité, Sophie Holm (Hg.), Translation in Early Modern Diplomacy (erscheint 2025 bei Routledge).
Workshops:
- 14.–15.12.2023, »Translation in Early Modern Diplomacies«, in Zusammenarbeit mit dem Max-Weber-Netzwerk Osteuropa und der Univ. Mulhouse, DHIP.
- 15.–17.5.2025, »Genesis of Professions and Language-Learning, 18th–First Half of the 19th Century«, in Zusammenarbeit mit dem Max Weber Netzwerk Osteuropa, DHIP, SIHFLES und der DFG, Univ. Helsinki.
Bildnachweis: Antioch Dmitrievich Kantemir, J. Amigoni © Wikimedia Commons
